Straßenbahnen in Rīga – Der stark wachsende Stadtteil Skanste bekommt eine neue Trambahnlinie und weshalb hier niemals eine U-Bahn gebaut wird

Der Stadtteil Skanste (dt.: Schanze) liegt in unmittelbarer Nähe zum Stadtzentrum der lettischen Hauptstadt Rīga. Skanste war früher vor allem mit Kleingärten bebaut – das war für viele Großstädter wegen der schlechten Versorgungslage in der Sowjetzeit eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Kleingärten sind alle verschwunden. Der Stadtteil hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Bauboom erlebt. Es entstanden hohe Geschäfts- und Wohnhäuser mit einer hochmodernen architektonischen Gestaltung. Bis 2018 wurden in Skanste 300 Millionen EURO investiert, bis 2024 sollen es 800 Millionen EURO sein.

 

Bild: Ein Blick über das Zentrum von Rīga in Richtung Norden auf die Hochhäuser von Skanste. Aufnahme von Juni 2014.

Bild: Ein Blick über das Zentrum von Rīga in Richtung Norden auf die Hochhäuser von Skanste.
Aufnahme von Juni 2014.

 

Einen Standortvorteil zieht Skanste aus den großen unbebauten Flächen und der Nähe zum Stadtzentrum, in dem keine Erweiterung möglich ist. Heute leben in Skanste 12.000 Menschen. Wenn die Strategie der Entwicklungsgesellschaft aufgeht und bis dahin nicht wieder mehrere Wirtschaftskrisen über Lettland rollen, sollen es im Jahre 2030 einmal 43.000 sein. Skanste soll zum Finanzzentrum Lettlands ausgebaut werden. Neben den Geschäftshochhäusern gibt es bereits jetzt zahlreiche Freizeit- und Sportanlagen, wie die Arena Rīga, das Skonto Stadion oder das Elektrum Olimpiskais centrs. Tatsache ist, das Rīga nirgendwo sonst so viel moderne Architektur an einem Platz aufweisen kann.

Die öffentliche Verkehrsanbindung von Skanste ist im Moment allerdings nicht die Beste. Skanste ist von den vorhanden Tramlinien oder aus dem Zentrum nur über Busse erreichbar. Wenn die ehrgeizigen Pläne zur Entwicklung des Stadtteiles aufgehen sollen, müssen die Straßen auch im Sinne des Individualverkehrs entlastet werden. Denn wenn Stau ist, stehen alle – Busse und Autos – gemeinsam darin. Deshalb ist seitens des Projekts “Rīgas tramvaja infrastruktūras attīstība” – „Entwicklung der Straßenbahninfrastruktur in Riga“ – geplant, in Skanste eine etwa 3,6 Kilometer lange Straßenbahnstrecke mit 11 Haltepunkten zu bauen.

 

Bild: Routenplan für die Einbindung der neuen Straßenbahn im Stadtteil Skanste in das bestehende Netz von Rīga.

Bild: Routenplan für die Einbindung der neuen Straßenbahn im Stadtteil Skanste in das bestehende Netz von Rīga.

 

Für die Stadt und die Bewohner sowie die Beschäftigten in Skanste hat das zweifellos Vorteile:

  • eine Verbesserung der Luftqualität;
  • eine Entlastung der Straßen, auch im Sinne der Vermeidung von Straßenschäden – die gibt es in Rīga mehr als genug;
  • eine Verringerung von Verkehrsstaus und Unfällen – auch die gibt es in Rīgas mehr als genug;
  • eine Verringerung der Fahrzeiten;
  • eine Anhebung der Qualitätsstandards im ÖPNV.

 

Bild: Trambahnen (oder Straßenbahnen) sind ein wichtiges Verkehrsmittel für den ÖPNV in Rīga. Hier eine der in dieser Stadt immer generalstabsmäßig durchgeführten Fahrkartenkontolle kurz vor der Haltestelle an der 13. janvāra iela.

Bild: Trambahnen (oder Straßenbahnen) sind ein wichtiges Verkehrsmittel für den ÖPNV in Rīga.
Hier eine der in dieser Stadt immer generalstabsmäßig durchgeführten Fahrkartenkontolle kurz vor der Haltestelle an der 13. janvāra iela.

 

Der Bau der Trambahnlinie (die Straßenbahnen heißen in auch in Rīga „Tram“) in Skanste ist mit ca. 100 Millionen EURO veranschlagt. Fertiggestellt werden soll die Linie im Jahr 2021. Bestandteil der Ausschreibung ist auch die Beschaffung von 12 modernen Niederflurstraßenbahnen sowie die Modernisierung eines Teiles des vorhandenen Straßenbahn- und Straßennetzes. Insbesondere die Sanierung des Straßenbahnnetzes zwischen der Altstadt und der Petersalas iela ist auch dringend notwendig. Entlang der neuen Straßenbahnlinie in Skanste sollen Grüngürtel entstehen, was auch Sinn macht, aber der noch einmal 7 Millionen EURO kosten soll. Insgesamt steigen damit die geplanten Inventionen in diesen Stadtteil auf über 900 Millionen EURO.

 

Bild: Moderne Niederflurstraßenbahn vor dem VEF Gebäude in der Brīvības iela in Rīga.

Bild: Moderne Niederflurstraßenbahn vor dem VEF Gebäude in der Brīvības iela in Rīga.

 

Mehr als ein Straßenbahnnetz kann in Rīga mit einem vertretbaren technischen und damit finanziellen Aufwand nicht umgesetzt werden. Es gab in den 1970er Jahren Pläne, ein U-Bahnnetz mit 3 Linien und 33 Stationen einzurichten.   Wegen der zu dieser Zeit stark ansteigenden Bevölkerungszahl – Rīga war traditionell eine Stadt mit vielen großen Industriebetrieben und hat Arbeitskräfte angezogen (1970: 731.000 EW bis 1990: 909.000 EW) – wäre diese Infrastrukturmaßnahme auch sinnvoll gewesen. Technisch wäre das auch zu dieser Zeit umzusetzen gewesen, allerdings mit einem extremen Aufwand. Der Untergrund unter der Stadt ist sehr instabil, weil Rīga komplett entweder auf Sand oder Sumpf steht. Genau deshalb gibt es keinen vertikal stehenden Kirchturm aus dem Mittelalter. Eine U-Bahn müsste sehr tief unter der Oberfläche gebaut werden, ähnlich St. Petersburg. Auch für die Querung der Daugava gab und gibt es keine einfache technische Lösung.

Die Planungen haben gezeigt, dass der Bau einer U-Bahn in Rīga aus geologischen Gründen der teuerste der Sowjetunion gewesen wäre. Für jeden Kilometer U-Bahn wurden 25 bis 26 Millionen Rubel veranschlagt. Dazu kamen immer wieder mehrjährige Projektverzüge, so dass die erste Station 2002 und die letzte 2021 eröffnet werden sollten. Dem kam im August 1991 die Unabhängigkeit Lettlands von der Sowjetunion zuvor. Die Bevölkerungszahl in Rīga nahm rapide auf knapp unter 700.000 ab, auch weil die Industrie für ihre Produkte keine Abnehmer mehr fand. Fast alle Fabriken wurden mehr oder weniger schnell geschlossen. Die Stadtverwaltung von Riga hätte sich ohnehin nur mit wenig Geld an der Finanzierung des Bauvorhabens beteiligt. Sie hätte nur die oberirdischen  Eingangsbereiche und das Zugdepot finanzieren müssen, was mit wenigen Millionen Rubel abgetan gewesen wäre. Der große Rest des Geldes wäre aus Moskau überwiesen worden. Die Bauarbeiter wären aus allen Gebieten der Sowjetunion rekrutiert worden. So hatte sich die technischen Probleme aus finanziellen und politischen Gründen einigermaßen schnell erledigt. Heute redet niemand mehr über eine U-Bahn in Rīga.

 

Bild: Ein Blick über das Zentrum von Rīga in Richtung Norden. Im Hintergrund sind mittig die Hochhäuser von Skanste zu sehen.

Bild: Ein Blick über das Zentrum von Rīga in Richtung Norden. Im Hintergrund sind mittig die Hochhäuser von Skanste zu sehen.

 

Externe Links:
Die Website der Skanste Development Agency (lettisch, englisch, russisch)
https://skanste.lv

 

Kommentare sind geschlossen.